‚Mit externer Hilfe kann der Käfig der eigenen Sichtweise verlassen werden‘

In der immer komplexeren Arbeitswelt werden auch die Herausforderungen für Betriebsräte größer. Um bei anspruchsvollen Themen auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern agieren zu können, ziehen die Gremien immer öfter externe Berater und Sachverständige zu Rate. Unter welchen Umständen dies besonders sinnvoll sein kann, erläutert Geschäftsführer Giovanni Sciurba von der Unternehmensberatung GS Consult aus Oldenburg, die Betriebsräte bei schwierigen Veränderungssituationen wie zum Beispiel der Einführung eines neuen Vergütungssystems oder Vereinbarungen zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) berät.

Das Betriebsverfassungsgesetz räumt Betriebsräten die Möglichkeit ein, in bestimmten Fällen Sachverständige oder Berater hinzuzuziehen. Wann ist das der Fall?

Giovanni Sciurba: Das ist vom Grundsatz her nicht abschließend festgelegt. Es gibt Ausnahmefälle bei Betriebsänderungen in bestimmten Größenordnungen, da haben die Betriebsräte das Recht, einen Berater hinzuzuziehen. Bei anderen Fragestellungen allgemeinerer Natur spricht das Gesetz von Sachverständigen, die im Prinzip immer hinzugezogen werden können. Es macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Fragestellung beziehungsweise die Problematik eine bestimmte Komplexität hat oder ausdrücklich ein neutraler Blick von außen gewünscht ist. Häufig ist dies zum Beispiel bei Vereinbarungen zur Arbeitszeitgestaltung, Vergütungsregelungen oder auch beim Umgang mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz der Fall.

Was zeichnet einen guten Berater aus?

Sciurba: Ein guter Berater schafft Strukturen und wahrt dabei die Neutralität. Statt mit Meinungen und Ideologien zu hantieren, arbeitet er lösungs- und zielorientiert, um am Ende zu einem Ergebnis zu kommen, das auch tatsächlich umgesetzt werden kann und nicht nur auf dem Papier gut aussieht.

Welche Vorteile bringt die externe Beratung?

Sciurba: Der größte Vorteil ist aus meiner Sicht, dass der „Käfig“ der eigenen Sichtweise verlassen wird und durch den Blick von außen die Perspektiven gewechselt werden können. Ganz wichtig ist dabei die methodische Kompetenz der Berater, bestimmte Prozesse zu strukturieren und kategorisieren. So können sie zum Beispiel Meinungsbildungsprozesse strukturieren und mögliche Konflikte moderieren. Das kann so weit gehen, dass Sachverständige oder Berater sogar ein Stück weit als Schlichter oder Mediatoren gegenüber dem Arbeitgeber, aber auch innerhalb des Gremiums tätig sind. Außerdem bringen sie wichtige Erfahrungen aus anderen Unternehmen mit.

Häufig greifen Betriebsräte auf Rechtsanwälte zurück. Wann ist das sinnvoll?

Sciurba: Das ist vor allem dann sinnvoll, wenn es um formalrechtliche Fragestellungen geht. Wenn wir als Berater zum Beispiel in Sozialplanverhandlungen involviert sind, ziehen wir in der Regel auch noch einen unserer Anwälte hinzu. Bei Themen wie Arbeitszeit oder neue Technologien kommt ein erfahrener Berater, der sich mit dem Bereich Mitbestimmung auskennt, auch ohne Anwalt aus. Man sollte auf jeden Fall aufpassen, dass sich am Ende nicht nur die Rechtsanwälte beider Seiten unterhalten und die Betriebsräte gar nicht mehr verstehen, worum es geht. Wenn es soweit kommt, ist im Prozess auf jeden Fall etwas falsch gelaufen.

Wie reagieren Arbeitgeber, wenn der Betriebsrat externe Berater konsultiert?

Sciurba: Das ist sehr unterschiedlich. Natürlich kosten externe Berater ja auch Geld und es ist natürlich nie gern gesehen, wenn die Kosten hoch sind. Andererseits kann eine gute Beratung, die die Prozesse beschleunigt auch sehr viel Geld einsparen. Aus meiner Sicht werden für 1.000 Euro, die ausgegeben werden, in der Regel rund 2.000 Euro gespart. Gerade wenn es zu Konflikten zwischen den Parteien kommt, dauern die Prozesse ohne externe Beratung erheblich länger. Auch inhaltlich kann der Nutzen riesig sein, vor allem wenn praktikable und von allen Seiten akzeptierte Lösungen das Ergebnis sind.

Ist es möglich, als externer Berater die Wünsche von beiden Seiten zu berücksichtigen?

Sciurba: Eine professionelle Beratung setzt voraus, dass beide Seiten zumindest gehört werden. Wir werden zwar von einer Seite beauftragt, aber unser Ansatz ist es, unabhängig davon selbstverständlich auch die Sicht des Verhandlungspartners aufzunehmen. Im Anschluss überlegen wir dann zum Beispiel mit den Betriebsräten, wo Kompromisse möglich und sinnvoll sind, die bisher noch nicht bedacht wurden.

Was sind derzeit die häufigsten Themen, die von Betriebsräten nachgefragt werden?

Sciurba: Das mit Abstand stärkste Thema ist derzeit der Komplex Gesundheit und psychische Belastungen. Seit einer Änderung im Arbeitsschutzgesetz 2013 müssen psychische Belastungen im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung erhoben werden. Das ist in vielen Unternehmen ein großes Thema. Ein Dauerbrenner sind Arbeitszeitfragen insbesondere mit dem Schwerpunkt „Mobiles Arbeiten“, hier kommt es mit der zunehmenden technischen Entwicklung immer wieder zu Veränderungen. Fragen des Technologie-Einsatzes wie zum Beispiel die Nutzung von privaten Endgeräten für dienstliche Zwecke sind aktuell ebenfalls ein großes Thema. Zu Reibungen kommt es vor allem bei den Themen Vergütung und Arbeitszeit, weil hier sehr unterschiedliche Interessen aufeinander prallen.