"Eine frühzeitige Intervention ist der entscheidende Punkt"

“Eine frühzeitige Intervention ist der entscheidende Punkt”

Suchtberater: “Eine frühzeitige Intervention ist der entscheidende Punkt”

Für Führungskräfte gehören Gespräche mit suchtmittelabhängigen Beschäftigten zu den unangenehmsten Aufgaben ihrer Tätigkeit. Der Suchtberater Bertram Weber-Hagedorn erläutert im Interview mit GS Consult, wie sich Vorgesetzte darauf vorbereiten können und was sie für einen erfolgreichen Verlauf beachten sollten.

Herr Weber-Hagedorn, warum ist die Integration von Suchtprävention in das Betriebliche Gesundheitsmanagement für Unternehmen so wichtig?

Bertram Weber-Hagedorn: Das wird bei einem Blick auf die Zahlen schnell deutlich, denn bis zu fünf Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland sind von Suchterkrankungen betroffen. Häufig sind davon auch Beschäftigte betroffen, die jahrelang zu den Leistungsträgern gehörten und gute Arbeit verrichtet haben. Für die Unternehmen sind daher Investitionen in die Suchtprävention sehr lohnenswert, um Mitarbeiter vor Abhängigkeiten zu bewahren oder diese rechtzeitig zu behandeln. Grundsätzlich ist ein offener Umgang mit dem Thema wichtig. Suchtprävention sollte als etwas Normales angesehen werden. Die Erfahrung zeigt zudem, dass der Arbeitsplatz ein ganz entscheidender Motivationsfaktor für Personen ist, die gefährdet oder sogar schon abhängig sind. Insofern hat der Betrieb auch etwas in der Hand.

Auf welche Warnzeichen sollte geachtet werden?

Bertram Weber-Hagedorn: In der Regel sind Personen mit einem Suchtmittelproblem in Betrieben bekannt. Die Kollegen und Kolleginnen bekommen das mit, da abhängige Personen auch in der Arbeitszeit trinken müssen. Wichtig ist, dass die Führungskräfte darüber informiert werden. Anzeichen für eine Abhängigkeit sind zum Beispiel das regelmäßige Verlassen des Arbeitsplatzes, steigende Vergesslichkeit, die Zunahme von Fehlern oder auch Klagen über körperliche Probleme. Später kommt dann häufig auch aggressives Verhalten dazu.

Wie sollten sich Führungskräfte verhalten, wenn sie den konkreten Verdacht eines Suchtmittelmissbrauchs haben?

Bertram Weber-Hagedorn: Ganz wichtig ist, dass sie nicht zögern, sondern sofort tätig werden. Eine frühzeitige Intervention ist der entscheidende Punkt. Je früher Vorgesetzte bei einem Suchtmittelverlauf eingreifen, desto größer sind die Chancen für die Betroffenen. Ansonsten sind die Führungskräfte indirekt an der Sucht beteiligt, man spricht dann von Co-Alkoholismus. Bevor sie den Beschäftigten mit dem Verdacht konfrontieren, sollten sie sich jedoch gut vorbereiten und möglichst viele Fakten sammeln. Denn die sogenannten Konfrontationsgespräche sind zweifellos unangenehm. Von daher sollten auch die Rollen der Beteiligten unbedingt vorab geklärt werden.

Worauf ist bei Gesprächen mit Betroffenen zu achten, wie sollten diese ablaufen?

Bertram Weber-Hagedorn: Es sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass eine offene Atmosphäre herrscht und die Gespräche in einem sicheren Raum stattfinden, aus dem nichts nach außen dringt. Die betroffene Person sollte sich zudem gesehen und ernst genommen fühlen. Zu Beginn des Gesprächs ist es ratsam, dass die Führungskraft das gemeinsame Interesse herausstellt und einen Meinungsaustausch erbittet. Bei der Darstellung des Problems sollte sich der Vorgesetzte an konkrete Fakten halten und sich auf dem Arbeitsbereich beschränken, aber trotzdem den Ernst der Situation deutlich machen. Wichtig ist es, dem Betroffenen aufmerksam zuzuhören und ihn ausreden zu lassen. Zum Abschluss sollten Lösungsvorschläge besprochen und erfüllbare Auflagen zur Änderung des Verhaltens gemacht werden.

Wie sieht die Interventionskette im weiteren Verlauf aus?

Bertram Weber-Hagedorn: In der Regel gibt es je nach Betriebsvereinbarung drei bis fünf Gespräche. Spätestens im Zweitgespräch ist es sehr sinnvoll, dass eine weitere Person dazukommt, die Hilfsangebote vorstellt. Es wird häufig übersehen, dass es in Deutschland ein gut ausgebautes Suchthilfesystem mit Beratungsstellen und Suchthilfegruppen gibt. Werden diese Punkte beachtet, sind die Chancen sehr groß, dass die Betroffenen die Suchtabhängigkeit dauerhaft überwinden können. Rund zwei Drittel der Abhängigen schaffen das der Erfahrung nach langfristig. Gelingt dies den Abhängigen nicht, bleibt den Unternehmen als letzte Möglichkeit nur noch die Kündigung. Diese Konsequenz sollte in einer Betriebsvereinbarung eindeutig geregelt sein.